14. Feb 2017

PROBRO CLASSICS RUECKBLENDE

First Bodybuilding Competition – Rückblende, Verarbeitung & Analyse

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Jenseits der Norm.

Seit Jahren befinde ich mich im Kampf gegen den geistigen sowie körperlichen Stillstand. Die gesellschaftlich propagierte Normalität macht mir mehr Angst als ein Front Squat Tabata mit 80kg.

Deswegen auch der Slogan: „Im Kampf gegen Dünnheit und Schwäche.“

 

40 Jahre lang, täglich einer 8-stündig ungeliebten Tätigkeit nachzugehen wird von vielen als Norm hingenommen – das notwendige Übel für eine spätere Belohnung. Als zivilisierter Mensch hat man diesem Lauf der Dinge Folge zu leisten – so meint es unsere Erziehung. Das Tragische daran, mit der Zeit hinterfragt man sein Handeln nicht mehr – man wird zu einem zombieartigen Roboter.

Micky hatte Recht, als er zu Rocky Balboa sagte: „…aber dann passierte das Schlimmste, was einem Kämpfer passieren kann: Du wurdest zivilisiert!

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Woran erkennst du, ob jemand wirklich seine Berufung – also eine innere Notwendigkeit, die man spürt und die zum Handeln zwingt – ausübt oder eben „hackelt“. Rate, was der „Endlich Wochenende-Typ“, „Scheiß Montag-Typ“, „Am Freitag sauf ich mich an-Typ“ und „Ich kann den Urlaub nicht erwarten-Typ“ macht?

Belohnt soll diese Tortur mit einer heißersehnten Pension werden. Eine Utopie – der Traum wird zum Alptraum. Anstatt auf seine erarbeitete Freiheit zu treffen, wartet ein enttäuschendes unmotiviertes Dahinvegetieren und jahrelanges Sterben – ein Nichtstun.

Endlich vom täglichen Geldverdienen befreit zu sein macht nicht glücklich. Sondern das zu tun, was man gerne macht und ständige Progression, also Weiterentwicklung. Ich bin kein Pessimist, aber sicherlich auch kein Optimist. „Alles wird gut.“ Bullshit. Nichts wird gut, denn schlussendlich warten die Maden. 9 von 10 Leuten lachen als erste Reaktion, sobald man ihnen sagt, dass sie sterben werden. Habe ich schon öfters ausprobiert. Wie kann man da bitte lachen? So wurden wir eben erzogen, realitätsfremd.

„Am Ende bereut man nicht die Dinge, die man getan hat, sondern die, die man nicht getan hat.“ Ich glaube, das stimmt. Je nachdem, wie es mit mir zu Ende geht, kann ich mich live davon überzeugen und die Ansicht bestätigen.

Dem schleichenden Prozess des Alltags zu entkommen, erfordert ein tägliches Reizen des eigenen Charakters. Reize setzen bedeutet, sich in neues Territorium zu wagen, sich seinen Ängsten zu stellen. Nur so ist Progression – Weiterentwicklung – möglich.

Wie diese Hypertrophie des eigenen Charakters zustande kommt, lässt sich am besten anhand einer vergangenen kühnen Tat meines Bruders veranschaulichen:

Mentale Hypertrophie

Alex hat sich vor ca. 8 Jahren eingebildet, 100 Wiederholungen bei der Übung Kniebeuge durchzuführen. Mit 100kg Zusatzgewicht. Ohne Ablegen der Stange. Verstehst? Wir nannten diese Trainings-Missionen immer „Den genetischen Code knacken.“

Denkt man bei solchen Entscheidungen an die bevorstehende Arbeit – den schmerzhaften Leidensweg, bis das Endziel erreicht wird – hat man verloren. Dieser Gedanke führt zu einem vorzeitigen Hinschmeißen oder noch schlimmer, er verschiebt den Start durch ständiges Suchen und schlussendlich dem Finden passender Ausreden fortlaufend auf morgen. So lange, bis es kein Morgen mehr gibt.

Alex kurz vorm Knacken seines genetischen Codes. Danach war er nicht mehr der Alte.
Alex kurz vorm Knacken seines genetischen Codes. Danach war er nicht mehr der Alte.

Ob nun ein 100er Satz Kniebeugen von 10minütiger Länge oder die 5-monatige Vorbereitung auf einen Bodybuilding-Wettkampf, alles hängt davon ab, ein „Momentum“ zu erzeugen. Stillstand bedeutet sterben, Bewegung hingegen wachsen und leben. Also beginnt man, ohne nur einen Gedanken zu verschwenden was passiert. Das Ziel klar vor Augen, der Weg allerdings unbekannt. Eines ist klar, es wird etwas passieren und genau darum geht es – Progression.

Selbiges gilt in unendlich vielen Alltagssituationen. Sieht ein Mann eine sexy Lady, sollte er irgendwas machen. Nur dann wird etwas passieren. Auch, wenn die Reaktion „ich steh auf keine Spaghettis“ lautet, ist das besser als das große NICHTS. Jetzt kann man zumindest etwas dagegen machen, falls man das möchte, und zu curlen beginnen. Vorausgesetzt man ist Realist, ist gleicher Meinung und erträgt die Wahrheit.

Hat man sich entschieden zu starten, wird es interessant. Viele kennen das von Serien oder Computerspielen. Einmal erst begonnen, hat es kein Ende. Ich empfehle das echte Leben und nicht irgendein beschissenes Spiel. Trauriger geht’s kaum.

Man kommt in den Genuss, einen inneren Druck zu verspüren. Positiv als auch negativ behaftet. Dieser Druck liefert den notwendigen Treibstoff. Er entsteht zum Beispiel durch Mitmenschen, die zu einem aufblicken. Man hat eine Vorbildfunktion. Oder man blickt zurück und erkennt, wie weit man bereits gekommen ist.

Andere warten wiederum nur auf ein Scheitern, um die auswendig gelernte Phrase „Das hab ich dir doch gesagt“ präsentieren zu dürfen und für ihre „Das versuche ich erst gar nicht“-Lebenseinstellung bestätigt zu werden. Überaschenderweise handelt es sich bei den letzteren oft um die engsten Vertrauten.

Alex bewältigte die 100 Wiederholungen. Stellt sich die Frage: „Wozu das Ganze?“

Für körperliche Hypertrophie? Sicher nicht! Angeberei? Bullshit! Die Antwort ist schwer zu verstehen. Die mentale Hypertrophie ist der Grund. Durchhaltevermögen der Preis.Dass vieles schlimmer wird, bevor es besser wird, ist die Erkenntnis. Zukünftige Geschehnisse relativieren sich – nichts kann einem so schnell was anhaben. Man wird zum „Decision Maker“. Das alles hat viel damit zu tun. Aber auch das Streben nach einer Vorbildfunktion anderen gegenüber kann nicht abgestritten werden. Es fühlt sich gut und richtig an. Diese erkämpften neuen Eigenschaften lassen sich im restlichen Leben in vielen Situationen anwenden.

Zusammengefasst bekommt man dadurch Eier. Man findet Wege, aus einem „should“ ein „must“ zu machen. Und genau davon ist jeder Erfolg im Leben abhängig. Ziele werden dann erreicht, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gibt. Ein Beispiel: Ist jemand Wichtiger aus der Familie krank und es wird unbedingt Geld für eine Behandlung benötigt, wird man irgendwie eine Lösung finden, dieses Geld aufzutreiben. Lösungen finden – lerne diese Fähigkeit situationsunabhänig abrufen zu können, wenn du deine Ziele erreichen möchtest. Mach aus einem „ich sollte abnehmen“ ein „ich muss abnehmen“.

Bei schweren Sätzen im Training stelle ich mir ständig vor, dass meine Liebsten abgeschlachtet werden, wenn ich nicht alles gebe. Redet man sich das wirklich ein, gibt man alles, man muss…

 

„It’s what you do in the dark, that puts you in the light.“

Das waren auch meine Gründe für diese Bodybuilding-Vorbereitung, die härter aber auch geiler war, als je für mich vorstellbar. Aber wie gesagt, zum Glück habe ich mir wenig vorgestellt, sondern hab begonnen. Ähnlich ist es beim Schreiben eines Buches – denk nie an die bevorstehende Arbeit. Neben der Vergrößerung meiner mentalen Eier war ein weiterer Entscheidungsgrund „Kohle“. Ich konnte einerseits mein theoretisches Wissen an meinem eigenen Körper überprüfen und anwenden. Andererseits in der Praxis experimentieren und weiter lernen. Mit dem Hintergedanken, wissenschaftliche und psychologische Erkenntnisse in unseren Ausbildungen und Online-Programmen weiterzugeben. Es verkauft sich einfach besser, wenn man selbst sein Produkt anwendet, und das erfolgreich. Geld ist wichtig. Nur Menschen, die wenig Geld besitzen, behaupten, es sei unwichtig. Ich behaupte sogar, dass es zu den Top 4 der wichtigsten Dinge im Leben zählt. Nr. 3 sollte unbedingt die Tätigkeit sein, mit der Nr. 4 – das Geld – vermehrt wird. Das ist beim „Ich freu mich auf das Wochenende-Typen“ nicht der Fall. Nr. 2 ist die Familie und Nr. 1 Zeit. Bist du schlau, kaufst du dir mit Geld Zeit.

Als „mehr ist besser-Typ“, war ich hartes Training gewohnt.

Die Auswirkungen von Trainingsmethoden während dieser Vorbereitung sind zwar erwähnenswert, jedoch im Vergleich zu denen der Ernährung ein Witz. Plötzlich musste ich damit klarkommen, dass weniger besser ist. Weniger Körpergewicht und weniger Körperfett.

Zum Glück realisiert man sehr schnell, dass weniger Körperfett auch optisch mehr Muskelmasse bedeutet. Als Beweis liefere ich diesen Bildvergleich von Ende 2015 und Oktober 2016. Ja, natürlich sind hier ganz andere Lichtverhältnisse vorhanden und unterschiedliche Posen wurden eingenommen. Trotzdem: Links mit 95kg und sicherlich mehr Muskelmasse. Rechts mit 85kg und weniger Muskelmasse. Die Optik sagt jedoch was anderes.

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Fressen

Nun zum Kernthema. Einer der größten Hürden der Menschheit. Die Ernährung.

Der wohl größte Unterschied zu anderen Sportarten und meinen vergangenen Wettkampfvorbereitungen für Powerlifting, Weightlifting und Strongman lag in der Ernährung. Täglich für 2 Stunden in den Krieg zu ziehen gehörte zu meiner maximalkraftorientierten Routine. Seit dem 14. Lebensjahr trainierte ich pausenlos und hievte die Latte der Qualen auf ein hohes Niveau. Um stärker zu werden, hieß es, diese ständig emporsteigende Latte tagtäglich erneut zu überqueren. Das Gewicht musste erhöht werden, die Satzanzahl und der Anstrengungsgrad stiegen. Allerdings folgte nach jedem Training ein Urlaub mit 22 Stunden in Milch mit Honig baden und stressfreie Erholung. Gefeedet von Mama. Einfach schöne Aussichten.

Diese Aufnahme zeigt wohl den massigsten Pürzel aller Generation. 115kg mit 22 Jahren. Voller Stolz wird „die Masse“ präsentiert.
Diese Aufnahme zeigt wohl den massigsten Pürzel aller Generation. 115kg mit 22 Jahren. Voller Stolz wird „die Masse“ präsentiert.

Im Bodybuilding liegt diese Latte nicht ganz so hoch. Schließlich müssen keine 300kg gehoben werden. Aber nach der Landung bleibt man nicht einfach liegen, sondern springt weiter und weiter, über Latten, auf deren Existenz man nicht vorbereitet war. Je weiter man fortschreitet, desto härter werden auch die Landungen.

Wie kann man sich das vorstellen, diese Hürden außerhalb des Trainings? Ich rede hier nicht von der oft erläuterten Aggressivität, dazu fehlte der anabole Stoff. Prägnante Beispiele sollen einen Einblick gewähren und beide Seiten, die teuflische als auch die himmlische, veranschaulichen:

„Ohne Reize keine Anpassungen. Ohne Hölle kein Himmel.“

Unbenannt

Die Müdigkeit.

Mit den Kalorien sinkt auch der Stoffwechsel. Mein Körper wollte sich nicht mehr bewegen. Besser gesagt, der Unterkörper. Das begann im September und dauerte bis zum Ende Anfang November. Hunger war ein Lercherlschas dagegen. Das Dumme daran, wenn man jetzt seinen Alltag auf weniger Bewegen verändert, verbrennt man auch weniger Kalorien und bleibt ein fettes Stück. Das Ziel ist es, den Aktivitätslevel konstant hochhalten. Man muss bzw. sollte sich also zu all dem zwingen, was früher normal war und Kalorien verbrannt hat – plaudern, arbeiten, spazieren gehen. Und Sex – ja, war normal, wurde aber zu einer Hausaufgabe, bei der ich oft durchgefallen bin. Dazu später aber mehr. Das Schlimmste waren Stiegen. Das Scheißhaus im Gym ist im ersten Stock. Bei 15 mal Pissen pro Tag bedeutet das auch 30 mal diese Stiegen bewältigen zu müssen. Runter ist auch Orsch. Einmal habe ich mich einfach so angepisst, im Gym. Kein Scheiß. Keine Ahnung, ob aus Resignation oder Kontrollverlust. Mein Bruder hat das auf das Alter geschoben. Aber ich glaube, dass er Unrecht hatte.

Müdigkeit hat echt keine Vorteile. Valentin hat gemeint, dass das bei sehr muskulösen Typen schlimmer ist als im Leichtgewicht. Dieses indirekte Kompliment hat mich sehr gefreut. Und ich hatte sicherlich noch Glück, weil ich diesen Job habe, der aus Nachdenken, Bücherschreiben, Mails beantworten, Trainieren und Sachen Organisieren besteht. Und Vorträge. Die waren allerdings nicht mehr möglich. 8 Stunden Reden mit einem Kaloriendefizit von 2000kcal geht nicht. Mein Bruder hat mich gerettet.

Der Alltag wird auch schwer. Man kommt als faule Sau rüber. Geschirrspüler ausräumen, Socken aufheben, Zähne putzen, … jede einzelne Tat ein Lebenswerk für sich in diesem Moment. Man hört oft „Reiß dich bitte zam, ist doch nicht so schlimm.“ Doch, ist es, und genau deswegen machst du es auch nicht. Der Komfort ist dir wichtiger. Das ist auch völlig in Ordnung, ganz im Ernst. Eine Rechtfertigung von beiden Seiten ist unnötig. Aber bitte erzähl mir nichts von Dingen, die du nicht kennst.

 

Der Sex Drive.

Seit meinem 12ten Lebensjahr habe ich ziemlich genau 6935 mal masturbiert. Während so einer Masturbation verbrennt man sicherlich 20 zusätzliche Kalorien. Hätte ich es also nicht gemacht wäre ich jetzt um 19,8 kg reines Fett schwerer – das ist der Grund, bevor jemand nachfragt, wieso so oft. Na gut, geil war ich auch. Die 19jährige Geilheit endete 2 Monate vor dem Wettkampf mit der 8-9% Körperfett-Grenze Mitte September. Ich glaube, daran merkt man, dass es abnormal wird. Das Gute daran, man hat täglich 20 Minuten mehr Zeit – den richtigen Porno findet dauert eben. In 2 Monaten gewinnt man einen ganzen Tag. Sex dauert sogar noch länger, also gewann ich noch einen weiteren Tag;)

Ehrliches Fazit ist, dass jegliche Lust verschwindet. Das liegt nicht an der Müdigkeit. Man hat einfach kein Verlangen. Hätte ich eine Freundin, die nicht trainiert, wäre das vermutlich der Beginn vom Ende dieser Beziehung. Jedoch habe ich die Richtige. Sex ist ein Bedürfnis. Möchte der Körper „überleben“ und nicht verhungern, wird dieser Trieb gnadenlos ausgeschaltet, so bei mir. Schwierig wird es für den Partner, der weiterhin normal bleibt.

Viel mehr kann ich dazu nicht sagen. Da Null Verlangen vorhanden war, ist es mir auch nicht abgegangen. Die Sichtweise von meiner Freundin ist hier interessant. Deshalb habe ich sie gebeten einen kurzen Bericht zu schreiben:

 

Der Anfang.

Als Andi seinen Entschluss äußerte bei einem Bodybuilding Wettkampf mitzumachen, war ich anfangs noch ziemlich entspannt.

Cool und amüsant mitanzusehen, waren die täglichen Trainingseinheiten mit seinem Trainingsbuddy Christian Russ. Fast täglich waren wir dem Bilderbuch-Bodybuilding-Wahnsinn der zwei Freaks ausgesetzt:

Lautes stöhnen, minutenlanges Posen zwischen den Trainingssätzen und unendliche Videos und Fotos, um Ihre Abnormalität festzuhalten gehörte zur Routine. Beim Postworkout-Meal – „der Bowl“ – lauschten wir ihren Unterhaltungen auf „denglish“, wo Worte wie candypump, veincity, veins everwhere, und ähnliche Phrasen dazugehörten.

Die Trainingseinheiten waren anfangs noch sehr hart und vor allem lang. Einerseits durfte kein Muskel vernachlässigt werden, andererseits kostete das Posing zwischendurch einiges an Zeit. Die Einheiten beliefen sich auf 2-3 Stunden täglich. Das bedeutete für mich, zusätzlich zu unserer knappen Zweisamkeit, noch weniger Zweisamkeit.

Ich wurde durch soviel Motivation und Ehrgeiz regelrecht mitgerissen. Mir gefiel vor allem die Art wie sie sich gegenseitig aufheizten. Sie machten einander geil. Geil auf sich selbst. Es wurde über nichts Anderes mehr gesprochen. Ich wollte auch so einen Trainingsbuddy haben. Ich fing an mein Essen zu tracken und flehte eine Freundin an mitzumachen. Ich stellte mir vor wie perfekt das doch wäre, wenn Andi und ich gleichzeitig Diät halten, mit unseren Trainingsbuddys trainieren und uns am Abend von unseren Erfolgen erzählen würden. Friede, Freude, Eierkuchen! Die Realität sah anders aus. Aber dazu komm ich noch.

 

Halbzeit.

Valentin erzählte zwischendurch immer mal wieder von seinen Wettkampfdiät-Erfahrungen. Je mehr ich mitbekam, desto eher schwand meine Euphorie. Minutenlanges sitzen vor dem ausgeschalteten Fernseher, weil man nicht im Stande ist aufzustehen und die Fernbedienung in die Hand zu nehmen?! Solche Storys hörten sich im ersten Moment total witzig an. Im zweiten Moment dachte ich mir: „Shit, was kommt da auf mich zu“.

Dieser Zustand ließ nicht lange auf sich warten.

Andi mied es in den ersten Stock zu gehen. Was besonders nervig war, wenn er selbst Rezeptions-Dienst hatte. Jedes Mal, wenn er irgendwas aus dem Lager im ersten Stock holen musste, fiel seine Stimmung buchstäblich um ein Stockwerk.

Gekocht wurde immer in der kleinen Rezeptionsküche, egal ob gerade Hochbetrieb war, oder nicht. Zur besseren Vorstellung: In der Küche sind zwei Leute, einer zu viel. Vor allem, wenn man hungrige Gym-Mitglieder bewirten muss. Aber niemand war, sollte und durfte in diesem Moment hungriger sein als Andi selbst. In diesen Momenten kam er mir vor wie ein Elefant im Porzellanladen. Als ich mal gerade dabei war mein Essen in der Küche vorzubereiten und er wie ein Hurrikan aus dem Nichts dazu stoß, kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass wir vielleicht doch nicht gleichzeitig Diät halten sollten. Doch so richtig wurde es mir bewusst, als ich merkte, dass er nicht in der Lage war Rücksicht auf mich, meinen Hunger und meine Mahlzeiten-Zubereitung zu nehmen. Um Streitereien aus dem Weg zu gehen, die vermutlich, aufgrund der Müdigkeit, dem starken Kaloriendefizit und der sinkenden Toleranzschwelle, eskalieren würden, beschloss ich meine Diät auf Eis zu legen. Ich nahm mir vor, mir nicht alles zu Herzen zu nehmen (manche Aussagen hatten nämlich wirklich „Arschloch-Niveau“) und so gut es geht seine Sudderei und schlechte Laune zu ertragen bzw., wenn dies nicht mehr erträglich war, wortlos die Situation verlassen. Ich glaube das war das Beste was ich tun konnte. Ich muss aber dazusagen, dass das häufig gegen meine „Jugo-Mentalität“ gesprochen hat und ich mir oft auf die Zunge beißen musste.

 

Der Sex-Drive.

Wie soll ich anfangen?

Wie anfangs schon erwähnt, war unsere gemeinsame Zeit schon durch die täglichen langen Trainingseinheiten stark limitiert.

Ich hatte keine Ahnung, dass ein sinkender Körperfettanteil den Testosteronspiegel senkt. Tief in den Keller senkt. Zumindest habe ich mir darüber und über die Auswirkungen keine Gedanken gemacht. Ich möchte hier auch nicht mein Sexleben breittreten. Ich habe nur von einer Freundin gehört, die hat eine Bekannte und der Freund der Bekannten hat auch so eine Wettkampfvorbereitung gemacht. Also von der weiß ich, wie scheiße sie sich gefühlt hat, als ihr Freund sie zum ersten Mal wortlos abgewiesen hat. Zu einem ausführlichen Gespräch kam es nämlich nicht sofort, sodass sie sich schön ihre irren Frauenhorrorvorstellungen machen konnte:

„Hat er eine Andere?“

„Gefall ich ihm nicht mehr?“

„Findet er sich jetzt selbst geiler als mich?“

Das und noch viel mehr schoss mir durch den Kopf. Ich meine, schoss ihr durch den Kopf. Ich hab natürlich mit niemanden darüber gesprochen. Als aber das erste öffentliche Posting diesbezüglich von ihm kam, wusste ich erstens, dass Privatsphäre beim Andi nicht so großgeschrieben wird und zweitens, dass ich endlich meine Unausgeglichenheit auch auf Ihn schieben konnte.

 

Der Umschwung.

Schlagartig änderte sich seine Stimmung in der letzten Woche. Obwohl die Kalorien und der Körperfettanteil unnatürlich niedrig waren, schlug die Stimmung in Euphorie über. Ein Ende war in Sicht.

Das Wochenende in Basel hat Spuren bei mir hinterlassen. Es war mitreisend. Euphorisch. Motivierend. Es hatte was sektenartiges. Aber ich glaube, so ist das überall, wo sich viele Leute treffen die eine Leidenschaft teilen.

 

Dauer.  

In Form zu kommen dauert lange. Länger als gedacht. Es verhält sich ähnlich dem Schreiben einer Diplomarbeit. Ich habe meine zwar nie beendet, aber ich kann mir vorstellen, dass jeder am Tag der Abgabe gerne noch mehr Zeit hätte.

Den Körperfett-Anteil effizient von ca. 15% auf 5-6 % zu reduzieren ist eine lange Tortur. In meinem Fall 150 Tage, also 20 Wochen oder 5 Monate. Das Ziel war der gleichzeitige Aufbau bzw. Erhalt von Muskelmasse als auch, alle anderen beruflichen Tätigkeiten weiterzuführen.  Eine mentale Herausforderung, da ich mein vergangenes Dasein Großteils im Kalorienüberschuss absicherte.

Körpergewicht zu Beginn am 15. Juni 2016: 94kg

Körpergewicht 2 Wochen vor dem Wettkampf am 29.Oktober 2016: 82,5kg

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Der Zeitaufwand ist vermutlich bei Steroidenkonsum kürzer. Natürlich wäre bei einer radikalen Diät auch ein schnellerer Fettabbau möglich, allerdings höchstwahrscheinlich nur in Kombination mit einem Abbau von Muskelmasse und einer Leistungseinbuße im Training, Beruf und Alltag. Für Nicht-Wettkampf-Athleten ist eine langsame Fettreduktion noch wichtiger, es wird unwahrscheinlich, dieses verlorene Gewicht bei Crash-Diäten zu halten, da eine sinnvolle Umstellung von Ernährungsgewohnheiten über eine radikale Methode vermutlich nicht stattfindet.

Eine „Ich fress alles und werd blad“ – Off Season ist bei „Drug free“ problematisch, es dauert einfach zu lange, alles wieder los zu werden. Eine wichtige Erkenntnis für die Zukunft.

Trotzdem muss gesagt werden, dass Fettabbau viel schneller zu bewerkstelligen ist als Muskelaufbau. Jetzt in meiner Off-Season tracke ich nicht mehr. Ich achte lediglich auf das Gewicht und das Feeling. Werde ich zu fett und nehme schnell zu, werden einige Tage mit weniger Kalorien durchgeführt. Nicht tracken zu müssen ist ein Urlaub für die Psyche. Energie wird eingespart und kann fürs Training aufgebracht werden.

Das Training.

Neben der Ernährung war natürlich das Training eine wichtige Erfolgsgrundlage.

Trainieren wurde zwar wegen der zunehmenden Müdigkeit immer anstrengender, aber auch irgendwie immer geiler. Einfach, weil ich im Spiegel immer geiler wurde. Vasculariy, Veins everywhere, Swollness, Stripes usw. Oben ohne zu trainieren war ein Muss. Gepumpt wurde meist in Unterwäsche. Du sollst das wachsende Fleisch beobachten können. Mir persönlich ist das wichtig. Außerdem habe ich eine Stoffallergie.

So wie fast jeder Mensch hab auch ich ein gestörtes Selbstbild. An einem Morgen steh ich auf und sehe im Spiegel einen weißen Coleman. 24 Stunden später erblicke ich einen Alpino-Gebrselassie.

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Die guten „Coleman Look a like“ Tage.
Die guten „Coleman Look a like“ Tage.

Und genau deswegen ist die Beurteilung einer externen Person – auch Trainer genannt – unglaublich wichtig. Diese trügerische eigene Wahrnehmung kann man nicht einfach ignorieren, aber man muss sich dessen bewusst sein, dass sie nicht der Realität entspricht. Deswegen geht es immer, egal in welchen Lebensbereichen, darum, sich selbst ein motivierendes Umfeld zu erstellen. Diese Umgebung soll die eigene Wahrnehmung möglichst positiv unterstützen. Umgib dich mit den richtigen Menschen. Kauf dir ein Outfit, dass sich gut anfühlt und dich größer erscheinen lässt. Bei mir waren das immer Basketball-Shorts, die ich mir am Bund wie ein Korsett zuschnürte. Wieso? Dünnere Taille bedeutet mehr V-Form. Das richtige Licht im Badezimmer und im Gym – unglaublich wichtig. Genau dafür sollte man Geld ausgeben. Rasiere deine Brust – sie wirkt bigger. Noch nie habe ich während meines Trainings Musik gehört. Ständig nur diese ganzen Success-Motivation-Speeches. Englisch kann ich trotzdem noch nicht gut. Aber dafür Hypertrophieren. Das Training auf die Stärken und nicht auf die Schwächen zu fokussieren ist wichtig – einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt kein guter Bodybuilder, sondern ein Bizeps-Nacken-Monster.

Forme dir dein Umfeld nach deinen Bedürfnissen – ohne viel Rücksicht. Hier ist Investieren angesagt, denn nur so gewinnt man.

Zum Wettkampf hin musste die Satzanzahl und Intensität abnehmen. Wiederholungen wurden erhöht und Grundübungen gegen sitzende Isolationsübungen ausgetauscht. Zu einem deutlichen Kraftverlust kam es erst im letzten Monat. Im September meisterte ich beim Schrägbankdrücken 6 Wiederholungen mit 130kg, 2 Wochen vor dem Wettkampf waren es 105kg. Traurig. Das Wichtigste, das aller Wichtigste beim Training war und ist das Feeling. Bevor ich mein Bodybuilding-Trainingsprogramm entwickelte bzw. es ständig durch neue Erkenntnisse verbessert wurde, war mein Training auf folgendes Ziel ausgerichtet: Einen Widerstand so effizient wie möglich von Punkt A nach Punkt B bewegen. Das genaue Gegenteil von einem Training, das ein ästhetisches Ziel verfolgt. Nämlich jede Wiederholung so schwer wie möglich durchzuführen. Das ist jetzt das Ziel. Die Zielmuskelfaser effizient zu ermüden und zu reizen. Das Problem dabei: Wird diese „Faser“ müde, möchte der Körper eine Ausweichbewegung durchführen, den Winkel ändern, hier muss man standhaft bleiben. Ein Beispiel: Beim Seitheben vorgebeugt mit Kurzhanteln in Bauchlage auf einer Bank wird mit zunehmenden Wiederholungen der Oberarm nicht mehr im rechten Winkel zum Oberkörper nach oben geführt. Der Arm nähert sich immer weiter dem Rumpf an. Genau das muss unterbunden werden. Plötzlich reicht weniger Gewicht. Schwer zu ertragen für die Psyche, ist aber so. Das Trainingsprogramm erfordert große Variation, Unmengen von Übungen und viel Liebe zum Detail.

Interessant ist, dass in den letzten Monaten kein einziger Schweißtropfen geflossen ist. Im Kaloriendefizit wird anscheinend bei allem Energie gespart.

Beim Training in der Wettkampfvorbereitung handelte es sich um einen 6er Split, wobei jede Muskelgruppe 3 mal pro Woche mit unterschiedlichen Übungen fertig gemacht wurde. Zu Beginn eines jeden Trainings wurde immer eine Bauchübung durchgeführt. Wieso? Weil ich weiß, dass sogar dünne untrainierte Menschen mit Bauchkastln muskulös aussehen. Hast du Kastln und ein Astl, bist du vorn dabei.

 

Der Wettkampf.

Die letzte Woche vor dem Wettkampf war eine der schönsten meines Lebens. Schon dafür hat sich alles gelohnt. Ich war ready. Hab trotz eigener Versagensängste das Ziel erreicht.

Verlieren war nicht mehr möglich, das wusste ich. Aber trotzdem wollte ich gewinnen.

Die letzten zwei Tage vor dem Wettkampf wurden die Kohlenhydrate nach oben geschraubt – ein gottesähnlicher Gefühlszustand wird erreicht. Die Haut ist dünn wie Papier und mit Venen überzogen. Schau ich mir jetzt im Nachhinein die Bilder an, pack ich sie nicht. Ich würde gern durchgehend so aussehen, nur ist das nicht möglich.

Was ich am meisten liebe, ist das ganze Rundherum – der Lifestyle. Man lebt das Leben seiner Jugendidole – Arnold, Franco, usw.

  • Die geschockten Blicke von Zivilisten am Flughafen werden genossen. „Solange die Leute schauen, ist alles in Ordnung.“
  • Die eingefallenen Wangen, ein Traum.
  • Das öffentliche Üben der Posingroutine mitten im eigenen Gym. Aufpumpen, mit kaltem Wasser abspritzen und langsames Ablegen der Kleidung, während sich die nackte Haut im Spiegel zeigt. Ich liebe es.
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  • Die gesamte Kleidung wird um 2 Nummern zu groß – plötzlich ändert sich die jahrelange Angst vor der Dünnheit in ein Willkommen heißen.
  • Hatte ich früher eine große Speckfalte am Bauch, verwandelte sich diese in immer mehr kleinere. Diese dünne Haut kannte ich nur von meinem Hodensack.
  • Mehrmalige Ganzkörperenthaarung ist ein Traum. Die ungarischen Enthaarerinnen packen es nicht, wenn du fettfrei vor ihnen liegst und jede enthaarte Stelle flext.
  • Die Anreise zum Wettkampf mit meinen Freunden – eine Mission.
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  • Bei der Abwaage tuscheln die anderen Athleten im Hintergrund: „Der ist sicher drauf.“ „Hat der eine STH-Wampe?“ Diese Worte sind Balsam für mein Astl.
  • Während des Tannings pumpt sich durch die kalte Farbe alles auf. Du stehst nackt da und bekommst deine Kriegsbemalung, verstehst? Nichts ist geiler.
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  • Am Morgen vor dem Wettkampf bin ich mit einem Ständer aufgewacht. Der erste seit langem. Ein gutes Zeichen. Das Leintuch ist voller Farbe. Ich seh wie ein Leopard aus – scheiß egal, wird eh ausgebessert.
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  • Beim Frühstück im Hotel geb ich einer Angestellten mein Tuppergschirr mit Reis und Bananen zum Aufwärmen. Die packt ihr Leben nicht…
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  • Lügendetektortest und in ein Borosilikatglas urinieren. Cleaner als ich geht’s nicht. Aber ich versteh auch die anderen Bodybuilder. Ganz ehrlich. Hätte ich 2 Leben, würde ich eines als Profibodybuilder durchleben. Aber mit dem einen, das ich habe, scheiß ich mich davor zu viel an.
  • 1 Stunde vor der Vorrunde gibt’s Erdnussbutter – ich kann nicht beschreiben, wie wundervoll das schmeckt.
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  • Aufpumpen mit Seitheben, Shruggen, Curlen, Russian Twist, Reverse Flys, Liegestütz und Rudern.
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Als Erster betrat ich die Bühne, ganz Links im Line up. Die Judges sagen: „Nr. 78 in die Mitte.“ Ich bin Nummer 78, und in der Mitte stand immer Ronnie Coleman, das wusste ich. Somit war alles klar. Ich stach raus, war vorne dabei. Die Vergleichsposen gingen los. Sehr anstrengend, aber mein Körper konnte sich in diesem Moment an das 300er Workout mit 22 Jahren in 6 Minuten und 47 Sekunden erinnern ­– dagegen war alles eine Lappalie. Nach diesem ersten Vergleich stand für mich fest, dass ich unter dem Top 3 war. Der erste Platz war möglich. Das Finale fand in 5 Stunden statt.

In dieser Zeit konsumierte ich leider zu viele Kalorien und Ballaststoffe und hatte beim Finale eine Wampe. Trotzdem war’s geil. Ich konnte meine Posing Routine zum Soundtrack von Bronson präsentieren. Mit 2 mal 20kg Scheiben stand ich shruggend am Bühnenrand und pumpte meinen Nacken auf, als mein Name und die Botschaft „Reiß der Kuh den Schädel aus“ vom Kommentator ertönte, ließ ich die Scheiben fallen und betrat mit vollgepumpten Traps die Bühne. Während des Posings hörte ich die Zurufe meines Bruders: „Aussa mit da Masse.“ Und das während der Bauch-Pose J Bei der Lat-Pose hörte ich von meinem Freund Nihad die Wort: „Hot do jemand das Licht ausgeschalten?“

Im Publikum saßen ca. 2500 Besucher – unüblich für eine Natural-Bodybuilding-Veranstaltung.

Dieser Bodybuilding-Trip begann vor 16 Jahren als 14-jähriger jungfräulicher und aknebefallener Komplexler. Nach vielen Zwischenstopps – Strongman, Weightlifting, Powerlifting, Jiu Jitsu, Boxen, Crossfit Sprinten und Turnen – bin ich sehr glücklich, meinen ursprünglichen Pfad wieder gefunden zu haben. Das Ziel wurde erreicht aber die Reise geht weiter. Wohin ist nicht wichtig.

Das Trainings- und Ernährungsprogramm zur Vorbereitung findet ihr unter: http://www.intelligentstrength.net/shop/pumped-hard-horny/